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Neues Problem, neue Therapieansätze
Internetrollenspielabhängigkeit, Schulvermeidung und Obesitas: Das ISO-Syndrom? – Ein Symposium der Stiftung Juvenile Adipositas in der Deutschen Diabetes-Stiftung, am 7, November 2011, anlässlich der Jahrestagung der Deutschen Adipositas Gesellschaft (DAG), Vorsitz: Dr. Wolfgang Siegfried, Prof. Dr. Martin Wabitsch.
Insula-Beitrag: Adipositas und Internet in "TENDENZ" 4.11 Seite 18
Einen tollen Körper, beste Freunde und Anerkennung im persönlichen Umfeld – so stellt man sich das Leben vor. Wenn die Wirklichkeit anders aussieht, kann man sich diese Umwelt auch künstlich schaffen. Beste Möglichkeit: das Internet und dort vor allem Rollenspiele. Wie diese Flucht mit Schulvermeidung und Adipositas zusammenhängen könnte, wurde auf der sehr gut besuchten Sitzung der Stiftung Juvenile Adipositas in der DDS auf der DAG-Jahrestagung in Bochum erörtert.

Immer häufiger sieht man in der Anamnese von extrem übergewichtigen Jugendlichen und jungen Erwachsenen eine fatale Trias:
Internetabhängigkeit
Schulvermeidendes Verhalten
Obesitas (Adipositas)
Zum Thema Internetabhängigkeit referierte Dr. Florian Rehbein, Psychologe vom Kriminologischen Forschungsinstitut in Hannover (KFN). Grundlage des Vortrags bildete eine bundesweit durchgeführte Repräsentativ-Erhebung zur Computerspiel-Nutzung bei 44.160 Neuntklässlern aller Schulformen sowie 3.600 Berufsschülern und Gymnasiasten in Osnabrück. Die Schüler/innen der 9. Klassen waren im Schnitt 15 Jahre alt. Ein exzessives Spielverhalten mit mehr als 4,5 h Spielzeit pro Tag wiesen 15,3 % der Jungen und 4,3 % der Mädchen auf. Nach der Skala für Computerspiel-Abhängigkeit KS-CSAS-II gelten 2,8 % der Jugendlichen als suchtgefährdet, 1,7 % bereits als abhängig. Diese abhängigen Jugendlichen fallen auf durch schlechtere Schulnoten, vermehrtes Schulschwänzen, geringere Schlafzeit, eingeengtes Freizeitverhalt und vermehrte Suizidgedanken.
Auch die Computerspiel-abhängigen Berufsschüler und Gymnasiasten fallen durch Leistungseinbußen in Schule und Ausbildung auf. Etwa die Hälfte von ihnen weist eine klinisch auffällige psychische Belastung auf. Ein besonderes Problem stellen Onlinespiele und Online-Endlos-Rollenspiele dar, allen voran das weltweit rund um die Uhr laufende „World of Warcraft“.
Dr. Knollmann, leitender Kinder- und Jugendpsychiater der Uniklinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Essen, nahm schulvermeidendes Verhalten näher unter die Lupe. Generell steht schulvermeidendes Verhalten immer in Zusammenhang mit psychischen Symptomen. Schulschwänzen wegen Schulunlust findet ohne Wissen der Eltern statt, da sich das Kind meist nicht zuhause aufhält. Bei Schulverweigerern zeigen sich deutliche Angstsymptome (z.B. Zittern, Schwindel, Übelkeit, etc.); die Eltern wissen über das Fernbleiben von der Schule Bescheid. Diese Angst kann einerseits eine soziale Phobie mit Prüfungsangst, sozialen Ängsten und Angst vor Mobbing oder andererseits die Angst vor der Trennung von den Eltern darstellen. Auch gemischte Symptomatiken sind möglich. Adipositas stellt nach bisherigen Erkenntnissen einen von vielen unspezifischen und individuellen Risikofaktoren für schulvermeidendes Verhalten dar. Aufgrund der selektiven Stichprobe (Kinder mit psychiatrischer Inanspruchnahme) und einer mangelhaften Studienlage besteht hier weiterer Forschungsbedarf.
Den dritten Vortrag der Sitzung hielt der Vorsitzende der Stiftung Juvenile Adipositas und ärztliche Leiter des Adipositas Zentrums Insula in Bischofswiesen, Dr. Wolfgang Siegfried. Als Initiator des Symposiums hat er auch den Begriff ISO-Syndrom in den Raum gestellt. Bei mittlerweile fast der Hälfte der Patienten der Insula treffen Internetrollenspiel-Abhängigkeit, schulvermeidendes Verhalten und Obesitas (Adipositas) aufeinander. Bei einer Studie zum Medienkonsum wurde bei den Jugendlichen der Insula mit 32,5 h/Woche ein doppelt so hoher PC- und Internet-Konsum festgestellt als bei einer gleichaltrigen, normalgewichtigen Kon-trollgruppe (16,1h/Woche). Die virtuelle Welt wird als schöner empfunden als die Realität. Dort setzt auch ein Teil der Therapie an: Die reale Welt der Jugendlichen wird durch Erlebnispädagogik interessanter gestaltet, damit auch im echten Leben positive Erfahrungen gemacht werden. Sowohl Adipositas als auch Internetkonsum und Schulvermeidung können einander ursächlich bedingen oder Folge voneinander sein.
Im Anschluss an die Vorträge fand eine angeregte Diskussion mit zahlreichen Fragen und Ideen aus dem Publikum statt. Anregungen zum weiteren Forschungsbedarf ergaben sich ebenso wie Vorschläge für Lösungsmöglichkeiten und Therapieansätze.
Aktualität und Brisanz des Themas spiegelten sich im lebhaften Interesse an der Veranstaltung wider. Ob es sich bei der ISO-Systematik um ein med. Syndrom handelt, müssen weitere, derzeit laufende Studien zeigen.
Bericht: Petra Beutler, DDS – Fotos: Adipositas-Zentrum Insula |